Johannesstraße 13a, Landeszentralbank Helmstedt

Dieser Beitrag erschien auch im Kreisbuch 2012, welches jährlich vom Landkreis Helmstedt herausgegeben wird. Das Thema war: „Geschichte und Geschichten“

Helmstedt war früher Sitz einer Zweigstelle der Landeszentralbank, als Filiale der Deutschen Bundesbank. Ich lebte von 1963 bis 1968 in dem Bankhaus in der Johannesstraße 13a, welches bis 1945 als eine Niederlassung der Reichsbank genutzt wurde. Ich war acht, als mein Vater als Bankzählmeister von Osnabrück nach Helmstedt versetzt wurde. Unsere Familie bezog eine kleine Dienstwohnung im Erdgeschoss, die hinter den Schalterräumen der Bank lag. Der Bankdirektor, ein Herr Rühmekorff, wohnte mit seiner Familie in einer großen Wohnung, die sich über die ganze 1. Etage erstreckte. Im Dachgeschoss befanden sich damals nur Abstellräume, die Kellerräume wurden zum Teil als Archiv und als Standort für spezielle Büromaschinen genutzt.

Hinter dem Haus gab es einen Garten mit Rasen und Obstbäumen. Zu meiner Zeit war die Johannesstraße noch von knorrigen alten Rotdornbäumen gesäumt und hatte Gaslaternen als Straßenbeleuchtung. Das Gebäude und das Grundstück wurden später umfangreich umgebaut, doch dazu komme ich noch. Damals war noch das Kino am Hotel Petzold in Betrieb, ich durfte dort ab und zu einen Karl-May-Film für 50 Pfennig Eintritt sehen. Der Kiosk an der Schöninger Straße auf dem Weg zum Bahnhof hatte im Sommer selbstgemachtes Speiseeis, zwei Sorten, Vanille und Schokolade, die Kugel für einen Groschen. Durch die Gasse zwischen der Bohnenklinik und dem BKB-Gebäude gelangte man zu einem kleinen Milchgeschäft in der Südstraße, der Besitzer hieß Winkelmann. Dort holte ich immer gezapfte Milch in einer Milchkanne und Brötchen.

Mein Vater hatte neben seiner Bankbeamtentätigkeit auch die Hausverwaltung übernommen. Das war bei kleinen Filialen so üblich. Ich erinnere mich noch, dass das Haus eine Kohlezentralheizung hatte und ich manchmal meinem Vater beim Kohle schaufeln zusah. Vom riesigen Ofen im Keller mit der großen Feuerklappe war ich immer sehr beeindruckt, er strahlte mächtig Wärme aus und Energiesparen war damals in dem Bankhaus noch kein Thema. Nach dem Kohle schaufeln durfte ich mir immer eine kleine Flasche Sinalco aus der Getränkekantine der Mitarbeiter nehmen, mein Vater zog eine Flasche Feldschlößchen vor. Die Getränke lieferte damals der Getränkehandel Matthies.

Das Haus war aus meiner damaligen Sicht wunderschön und spannend. An der Fassade ist es mit Ornamenten verziert und es gibt zwei Reliefs an der Straßenseite, deren Darstellungen meine Fantasie beflügelten, denn zu meiner Zeit las die Jugend Karl-May-Bücher und Abenteuerromane. Innen waren die Wände im Foyer und im Treppenhaus mit dunklem Holz vertäfelt. Eine große Holztreppe führte breit und geschwungen bis zum Dachgeschoss und knarrte leicht, wenn man sie benutzte. Auf dem Treppengeländer konnte man wunderbar unterbrechungsfrei herunterrutschen, was von weiter oben nicht ungefährlich war und mir dann auch verboten wurde. Die Haustür war ebenfalls aus Holz mit Messingbeschlägen, groß und schwer, und sie wurde während der Öffnungszeiten mit einem Lederpolster gedämpft, damit sie nicht laut zuschlug, wenn sie nach dem Öffnen von der Schließfeder wieder zugedrückt wurde.

Vom Foyer ging es durch eine Schwingtür in den Kassenraum. Dort waren Sitzgelegenheiten für wartende Geldboten und Besucher.
Die Schalter des Kassenraumes sahen aus, wie man sie aus alten Filmen kennt. Der Holzaufbau war teilweise verschnörkelt, dunkelgrün und grau lackiert. Die Durchreichen waren vergittert und oben gab es scharfe Spitzen, um ein Überklettern zu verhindern. Hinter den Schaltern befanden sich auf der rechten Seite die Arbeitstische des Kassierers und der Zählmeister mit den Geldzähl- und Rechenmaschinen. Links zur Straßenseite waren die Schreibtische der weiblichen Büroangestellten. Über allem lag ein dezenter, nicht unangenehmer Geruch nach Akten und Geld; wenn Sie mal einen neuen Geldschein an die Nase halten, wissen Sie, was ich meine.

Am Ende des Kassenraumes hing eine Wanduhr von Junghans mit 8-Tage Laufwerk über der Tür zum Arbeitszimmer des Bankdirektors. Wenn nach Dienstschluss der Schalterraum leer war, hörte man deutlich ihr Ticken. Diese Uhr hat mein Vater jedes Wochenende nach der Zeitansage im Radio gestellt und aufgezogen, dazu musste er jedesmal auf eine Leiter steigen. Geliefert wurde die Uhr vom Helmstedter Uhrmachermeister Friedrich Förster, Lindenstraße 1. Vom Zimmer des Bankdirektors gelangte man zum Herzstück der Bank, dem Tresor. Die große Tresortür war dunkelgrün lackiert mit Griffen und Schließelementen aus Messing und sah sehr imposant aus.

An die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Bank erinnere ich mich teilweise noch gut und sie waren alle sehr freundlich zu mir. Da war die Frau Beholz aus Schöningen, sie fuhr ein weißen Ford 12m. Die jungen Mitarbeiterinnen nahmen mich im Sommer manchmal mit ins Waldbad Birkerteich. Namentlich erinnere ich mich nur noch an Fräulein Fleischhauer und Fräulein Franke (die Anrede Fräulein war damals noch üblich). Herr Oberländer war Kassierer und Stellvertreter des Direktors. Herr Schaller und mein Vater Karl Ludwig waren die Bankzählmeister. Und dann war da noch die Raumpflegerin Frau Judy, eine sehr herzliche Frau, die gleich im Haus nebenan wohnte. Mit ihrem Sohn Frank war ich gut befreundet. Zwischen dem Bankdirekor Herrn Rühmekorff und meinem Vater gab es wohl ab und zu Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Hausverwaltung, ich erinnere mich gut, wie mein Vater ihn immer als „verdammten Theoretiker“ bezeichnete. Aber zu mir war Herr Rühmekorff immer sehr nett.

Noch heute erinnere ich mich an die Geräusche der Geldzählmaschinen, denn als Bankzählmeister zählten mein Vater und Herr Schaller viel Geld. Das Hartgeld wurde maschinell gezählt, während das Papiergeld maschinell und von Hand gezählt wurde. Der Grund war, dass beim Zählen von Hand das Falschgeld gefunden wurde. Das Handzählen beherrschten mein Vater und Herr Schaller mit hoher Geschwindigkeit und weil das Falschgeld anders durch die Finger glitt, wurde es sofort bemerkt. Unter den Arbeitstischen waren Alarmknöpfe, die bei Bedarf leicht mit dem Knie berührt werden konnten und dann einen Alarm in der benachbarten Polizeistation in der Friedrich-Ebert-Straße auslösten. Diese Polizeistation gibt es heute nicht mehr. Einen Überfall auf die Bank hat es meines Wissens aber nie gegeben.

Einmal in der Woche wurde es richtig spannend und darum beneideten mich damals sogar meine Freunde. Dann kam eine Polizeistreife mit bewaffneten Polizisten, die vorm Haus mit ihren MPs Stellung bezogen. Der Grund war die Ankunft des wöchentlichen Geldtransporters. Er sah aus wie ein Möbeltransporter. Mein Vater holte dann aus dem Tresor einen Handwagen vor die Eingangstür. In einer Kette stellten sich dann die männlichen Mitarbeiter von der Eingangstür bis zum Fahrzeug auf und warfen die kleinen schweren Säcke mit dem Hartgeld und die größeren mit den Scheinen von Mann zu Mann zum Handwagen hin, der aussah wie ein kleiner Käfig auf Rädern. Das alles geschah schnell und routiniert und dauerte nur einige Minuten. Der Handwagen wurde dann in den Tresor gerollt. Die männlichen Mitarbeiter der Bank hatten übrigens alle eine Dienstpistole und ich kann mich erinnern, dass mein Vater mit den Kollegen regelmäßig zum Schießtraining musste.

Wir lebten ca. ein Jahr in Helmstedt, dann war die beschauliche Zeit vorbei. Die Bankzentrale in Hannover hatte beschlossen, die Filiale in Helmstedt zu modernisieren. Äußerlich veränderte sich am Haus nicht viel, denn es steht unter Denkmalschutz. Aber innen wurde es gründlich entkernt, zu diesem Zweck mussten die Bewohner in Hotels ausquartiert werden. So kam es, dass unsere Familie einige Wochen im „Stettiner Hof“ am Holzberg wohnte, unser Hausrat und die Möbel wurden von einem Umzugsunternehmen eingelagert.

Beim Umbau machte man vor nichts halt, es wurde alles entfernt. Das Dachgeschoss wurde zu einer großen Wohnung, die wir später bezogen. Das Treppenhaus mit der schönen alten Treppe wurde ebenfalls entkernt. Mein Vater erzählte, die Zimmerleute hätten geweint, als sie die Treppe abreissen mussten. Dafür wurde dann eine moderne freistehende Stahl-Granit Treppe eingebaut. Die Bankräume wurden vergrößert und völlig neu gestaltet und es gab auch eine neue Tresortür. Für die Entfernung der alten und den Einbau der neuen Tresortür wurde ein Fenster zu einer großen Öffnung vergrößert, um mit einem Kran den Austausch vorzunehmen. Ich erinnere mich wie mein Vater erzählte, dass es damit sehr viel Schwierigkeiten gab. Aus dem schönen Garten wurde ein asphaltierter Hof mit einem Metallzaun und einem elektrischen Rolltor. Es gab zwei neue Garagen für die Bewohner und im Keller unter den Garagen einen riesigen Heizöltank für die neue Zentralheizung.

Nach dem Umbau bezogen wir die moderne neue Wohnung im Dachgeschoss, die wir über das (allerdings hässliche) neue Treppenhaus mit dem Kunstputz an den Wänden erreichten. Mein Vater musste keine Kohlen mehr schaufeln und der Geldtransporter wurde bequemer und sicherer über eine Rampe im Hof entladen.

Aber das Haus hatte manches von seinem antiken Charme verloren. Wer andere gut erhaltene Stadthäuser oder Villen in Helmstedt kennt, weiß was ich meine. 1968 wurde mein Vater befördert und in die Zentrale nach Hannover versetzt und wir verließen Helmstedt. Die Bankfiliale wurde 1984 geschlossen. Ein Überbleibsel sind die Kennzahlen 271 der Bankleitzahl für die Helmstedter Landeszentralbank-Filiale. Diese Zahl galt und gilt noch heute für Banken, die ihren Hauptsitz in Helmstedt haben, wie z.B. die Volksbank Helmstedt.

Als Erwachsener bin ich wieder von Hannover in den Landkreis Helmstedt gezogen und denke heute noch gern an meine Helmstedter Zeit zurück.

Anmerkungen:
Für meine Recherchen zu diesem Beitrag konnte ich Frau Olga Judy in Helmstedt kontaktieren. Von ihr erfuhr ich, dass Herr Oberländer und Herr Schaller schon länger verstorben sind und dass Fräulein Fleischhauer nach Hamburg ging.

Weiterhin fand ich Frau Hannelore Kettler, damals Fräulein Franke (Schlosserei Franke), die in den Bundesstaat Michigan der USA verzogen war. Sie konnte sich noch gut an meinen Vater erinnern.

Auf den Fotos konnte ich mangels Erinnerung nicht alle Personen zuordnen. Die Fotos kleben in einem alten Album, sie hätten nicht ohne Beschädigung herausgetrennt werden können. Ich habe sie mit einer Kamera abfotografiert. Fotos, Wanduhr und Messingschild fand ich im Nachlass meines Vaters.